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| Hendrik Ehlers, Direktor von MgM, in der
minensicheren Beobachtungskanzel eines MgM-Speziallfahrzeuges. |
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Obwohl ursprünglich
an das MgM Network adressiert - ein weltweites Forum für Minenräum-Experten
- kann diese Reihe von Emails aus dem Feld auch interessierten Laien
einen Einblick in die Wirklichkeiten des Humanitären Minenräumens
und den aktuellen Status des Friedensprozesses in Angola verschaffen.
MgM-Direktor Hendrik Ehlers schreibt diese Reiseberichte auf seiner
jährlichen Inspektionstour zu allen derzeitigen Minenräumprojekten
der Stiftung Menschen gegen Minen e.V.
Hendrik läßt in seine Reports geschichtliche Hintergründe,
persönliche Erinnerungen aus der Frühzeit der Organisation
und seine Eindrücke von Land und Leuten 2 Jahre nach dem Ende
des 30-jährigen Bürgerkriegs einfließen.
Die so in besonderem Maße authentische "Road Story"
wird per Satelitenverbindung aus dem angolanischen Bush übertragen
und im Laufe der nächsten Wochen immer aktuell an dieser Stelle
veröffentlicht.
Lesen Sie jetzt Folge 1:
DIE STRASSEN AFRIKAS
Gejammer über meine verlorene Jugend, warum die schlechten
Zeiten sich später oft als die guten Zeiten herausstellen oder
wie die Spanier sagen:" Unter Franco war ich jünger!"
(H. Ehlers, 19.09.2004)
Liebe Freunde und Kollegen,
Wie andere Verantwortliche von Minenräumoperationen mache ich
von Zeit zu Zeit eine Rundreise durch alle unsere Projekte. Das
ist dieses Jahr ziemlich einfach, weil alle Opreationen in Angola
stattfinden. Anfang 2004 konnte MgM das Minenräumprogramm entlang
der Limpopo-Eisenbahnlinie in der Gaza-Provinz in Mosambik erfolgreich
abschließen. Die deutsche Bundesregierung hatte das Hilfsprojekt
drei Jahre lang gefördert. Wir hätten dort noch Jahre
weiterarbeiten können, aber ohne finanzielle Förderung
ist das ziemlich schwierig
Die Konzentration auf Angola hat einige sehr gute Aspekte. Der wohl
wichtigste ist, dass mein Freund, Mit-Begründer und Mit-Direktor
HaGe Kruessen wieder für unsere angolanischen Operationen zur
Verfügung steht und diesen den energischen "Biss"
gibt, den sie derzeit sehr gut brauchen können. Denjenigen,
die ihn kennen, sei gesagt: ja, er residiert wieder in einem schäbbigen
Place auf der Ilha, einer der Hauptstadt Luanda vorgelagerten Halbinsel
und ist glücklich wie ein Teddybär
Mein Büro in Windhoek, Namibia, ist die Drehscheibe für
die Verwaltung, die Logistik, die Finanzen von allen MgM-Operationen.
Auch die Forschungs- und Entwicklungsprojekte, die dazugehörigen
Testreihen und Feldversuche werden durch von dort durch die HEC
Stiftung gesteuert. (HEC Foundation - Humanitarian Engineering and
Consulting - ist der Zweig von MgM, der für die Entwicklung
von verbesserten Minenräum-Methoden und-Geräten zuständig
ist.)
Derzeit läuft ein sehr erfolgreicher Feldtest mit dem von uns
entwickelten ferngesteuerten MAXX V1 Minenräumgerät in
Ruanda und ein Trainingsprogramm für Maschinenführer unseres
MAXXplus in den USA geht gerade zuende.
TanTra ist ein weiteres Projekt, an dem wir derzeit arbeiten: Ein
extrem geländegängiges Tandem-Kettenfahrzeug vom Typ BV206
wird von uns für den Einsatz in Minenräumoperationen modifiziert
und mit entsprechenden Werkzeugen ausgerüstet. Der Bedarf für
solche Fahrzeuge, die ihr Einsatzgebiet im Hinterland kriegszerstörter
Infrastrukturen ohne Tieflader und Schwerlastzüge erreichen
können, war letztes Jahr auf einer Expertenkonferenz in Washington
deutlich geworden.
Wir arbeiten parallel an der Entwicklung von MA:PDA (Mine Action
PDA), einem mobilen Datenerfassungsgerät für alle Daten,
die in Minenräumoperationen anfallen. Das Projekt läuft
leider zäher als geplant, Software-Entwicklung hat so ihre
Tücken
Die weitere Optimierung unseres Voodoo-Systems zur Straßenräumung
ist ein anderes unserer derzeitigen Projekte. Dessen interessantester
Part hat den Arbeitstitel "Fuzzy Dogs". Ich werde darauf
später noch zu sprechen kommen.
Das Office in Windhoek kocht. Es ist mit dem Support der ungefähr
12 MgM-Operationen in Angola reichlich ausgelastet. Support im Sinne
von: Finanzen, Ersatzteile, Mitarbeiter, Papiere, Verträge,
Übersetzungen, Operationsdatensammlungen, Berichtswesen, Trendstudien,
Tragödien, Panikanfällen, Langeweile und guter Arbeit.
Dazu klingeln endlos die Handys, seit neuestem auch SKYPE (Unsere
No-Cost-Internet-Telefonie, www.skype.com), das HF-Funkgerät
- die einzige Verbindung in die Operationen im Hinterland Angolas-
tutet immer wieder dazwischen, dazu Berge von Faxen und Ströme
von emails. Besprechungen, Zeitdruck ohne Ende
Obendrein kamen
jetzt die aufwändigen Anträge und Vorbereitungen zu einem
großen EU-Projekt für die Jahre 2005/6 dazu.
Vor zwei Tagen haben wir die Pferde gesattelt und sind auf einen 3-Wochen-Trip durch
ganz Angola aufgebrochen.
Die Pferde, 174 an der Zahl, verstecken sich in diesem Fall unter
der Haube unseres Dienstwagens, einem Toyota Landcruiser Turbo GX.
Der Einsatz auf den "Straßen" Angolas ist von besonderer
Härte. Deshalb hat der Wagen eine Spezial-Federung, einen Überroll-Käfig,
ein Winsch, einen Zusatztank, HF-Funk, Satelitentelefon mit Email,
jede Menge Werkzeug und Rettungsequipment. Und nette Aufkleber:
Auf einem steht US DoS (United States Department of States). Wir
werden begleitet von einem Fahrzeug gleicher Bauart, das dem MgM-Landesdirektor
Ken OConnell gehört.
Die amerikanische Regierung war immer großzügig bei der
Unterstützung unseres operationellen Fuhrparks. Ausser den
beiden MPVs (Mine Protected Vehicles), die wir Ende des letzten
Jahres bekommen haben, spendeten sie uns dieses Jahr neue Fahrzeuge
für unsere Hunde- und Surveyteams. Das hilft uns sehr, herzlichen
Dank!
Mit 210 Litern Diesel, 120 Litern Mineralwasser
und einer halben Tonne Essen in Dosen brachen wir auf. Ja und ein
paar Flaschen guten südafrikanischen Rotwein haben wir auch
dabei. Unser Raumzeitalter-Camping-Equipment beinhaltet auch meinen
besten Busch-Begleiter aller Zeiten: eine zusammenfaltbare, gasbetriebene
12-Volt-Dusche inklusive Gummi-Fußmatte.
Mit uns fährt Raphael Scriba, Besitzer, Direktor und Kameramann
von POWER&GLORY FILMS. Raffa ist Deutscher, lebt aber schon
ewig in Afrika. Er hat nicht nur schon eine Menge für MgM (und
Leni Riefenstahl) gearbeitet, er ist schon 1986 durch Angola gereist
und hat überlebt. Raphael ist eine echte Type (er stammt vom
gleichen regionalen Stamm ab wie HaGe und ich) und reist grundsätzlich
nur mit 3 Gepäckstücken: erstens einer Metallkiste mit
Ladegeräten, Klebeband, Kabeln, etwas Unterwäsche, usw.
Zweitens einem Stativ, drittens seinem Baby, einer ziemlich großen
professionellen Betacam-Kamera, immer in einem grünen Leinensack
und immer im Arm
Von Windhoek bis an die nördliche Landesgrenze geht es ungefähr
700 Kilometer über eine einigermaßen gute aber schmale
Asphaltstraße. Das dauert ungefähr 9 Stunden, wenn man
Tanken und Pausen mit einrechnet. Jedesmal wenn du an einer der
seltsamen pseudo-deutschen Bäckereien wegen eines Eierbrötchens
anhältst, glaubst du dich wenigstens um 50 Jahre zurückversetzt.
Es ist für afrikanische Verhältnisse ziemlich einzigartig,
aber es gibt auf dieser gesamten Strecke nicht ein einziges Schlagloch.
Obwohl Windhoek die Haupstadt des Landes ist, leben dort nur etwa
200.000 der 1,8 Millionen Namibianer. Ungefähr 1 Million Menschen
leben in einem Areal circa 50 Kilometer rund um Oshakati, ganz in
der Nähe zur angolanischen Grenze. Diese Region nennt man Ovamboland,
nach dem Stamm der Ovambos. Während der Kongo-Konferenz im
Jahre 1883/84 unter Reichskanzler Bismarck wurde diese nördliche
Landesgrenze mit dem Lineal auf einer Landkarte mitten durch das
Ovamboland gezogen. Es gibt wenig Stellen auf dieser Welt, wo man
besser sehen kann, wie dumm es ist, überhaupt Grenzen zu haben.
Vielleicht taugt Zypern - ich war nie da - noch als ein weiteres
Beispiel für idiotische Grenzverläufe.
Während Windhoek eine moderne Stadt ist, so sauber, sicher
und nett wie Regensburg, gibt es in Oshakati nahezu keine zweistöckigen
Häuser. Es hat zwar fast jeder Elektrizität und ein Handy,
aber Trinkwasser muss von öffentlichen Brunnen geholt werden.
Wasser auf dem Kopf zu tragen bleibt eine der Hauptbeschäftigungen
der Ovambo-Frauen.
Als ich 1992 zum erstenmal hierher kam, war die Gegend ein einziger
Schrottplatz für die südafrikanische Polizei und Armee,
mentaler und physischer Schrott überall. Als wir unsere ersten
minensicheren, weiss angestrichenen Fahrzeuge vom Typ Wolf Turbo
III, wie sie vormals von den Anti-Terror-(!)-Truppen der südafrikanischen
Apartheidspolizei namens Koevoet (Kuhfuß = Brechstange) benutzt
worden waren, hierher brachten, liefen die Menschen schreiend davon:
"Die Teufel sind wieder da, Die Teufel sind wieder da
!"
Heute ist Oshakati immer noch sehr einfach, eher ländlich,
aber geschäftig und sauber. Die namibianische Regierung hat
hier oben gute Arbeit geleistet.
Sofort nach der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1989
wurden in einer gemeinsamen Anstrengung die Minen rund um die zahlreichen
Militär- und Polizeistationen in Nord-Namibia geräumt.
Sie sind zur "Räumung" einfach mit Panzern vom Typ
Olifant über die Minenfelder gefahren. Die - zu erwartende
- lausige Räumrate hat die namibianische Armee NDF und die
Sprengstoffexperten der Polizei noch Jahre beschäftigt, zahlreiche
Unfälle waren die Folge. Ein besonders tragischer Unfall passierte
sogar während der offiziellen Übergabe-Feierlichkeiten
eines so "geräumten" Gebietes
Letztendlich wurde die Gegend minenfrei, zusammen mit den Gebieten
rund um die Strommasten der Ruacana- Überlandleitung. Nach
einer gemeinsamen Anstrengung der namibianischen Armee, der US-finanzierten
Überwachung durch FORCE21 und nach einer abschließenden
Qualitätskontrolle durch RONCO-Hundeteams wurde Namibia als
"minenfrei" erklärt. Das war jedenfalls ziemlich
kühn, aber vielleicht auch wahr
zumindest bis jemand diese
Erklärung wertlos machte, indem er Minen aus angolanischen
Minenlagern jenseits der Grenze in die namibianische Kavango-Region
und den Caprivi-Zipfel brachte. (Der schmale Streifen im äussersten
Nordosten Namibias ist zu Zeiten Bismarks nach dem deutschen Aussenminister
v. Caprivi benannt worden.) Diese Antipersonenminen waren in der
Hauptsache südafrikanischen Ursprungs und waren -besonders
perfide - in Kirchen, auf Pfaden zu Wasserstellen oder vor Schuleingängen
verlegt worden. Koos Theyse, der Chef der Namibian Explosives Police,
fand sogar in Südafrika überholte Minen, die ursprunglich
im Ostblock hergestellt worden waren.
Es war während einer MgM-Minensuchmission mit unseren Sprengstoffspürhunden,
als ich dort zum ersten mal erlebte, wie Leute mit normalen Garten-Harken
verdächtiges Gelände harkten als eine Art Not-Minensuche.
Das hat mir seitdem reichlich zu denken gegeben, aber ich fürchte,
dass ich dieses Verfahren in seinen Einzelheiten bis heute noch
nicht so vollständig begriffen habe, dass ich es als Methode
innerhalb MgM-Operationen empfehlen möchte.
Aber um fair zu bleiben: niemand der oben erwähnten Personen
oder Organisationen kann für die Taten verantwortlich gemacht
werden, die irgendwelche irren Landminen-verlegenden Mörder
begehen.
Mit dem Tod des UNITA-Chefs Savimbi und dem urplötzlich ausbrechenden
Frieden in Angola ist die Gefahr durch Minen in Namibia wieder in
die Diskussion geraten. Das amerikanische Aussenministerium fördert
Training und Equipment für eine gemeinsame Aktion der Explosives
Police unter Col. JT Theyse und der Minenräumungs-Brigade der
NDF unter Major Kotokeni. Dabei sollen die Straßen in Nord-Namibia
überprüft werden. Keine leichte Aufgabe, der Caprivi-Zipfel
ist etwa 500 Kilometer lang.
Das andere ernsthafte Problem mit gefährlichen Kriegsüberresten,
das Namibia hat, findet sich in der gleichen Region. Es sind alle
die brisanten Kampfmittel (ERW, Explosives Remnants of War), die
die südafrikanische Armee in großen Mengen entweder nicht
von ihren Test- und Trainingslagern geräumt hat oder sie einfach
abgeladen hat, als sie das Land verließen. Weil es darüber
keine ordentlichen Berichte gibt, ist das eine schwierige Aufgabe.
Die offiziellen namibianischen Unfallstatistiken kennen jetzt keine
reinen Minenunfälle mehr, sondern nur noch Unfälle mit
gefährlichen Kampfmitteln. Auch hier wurden also die richtigen
Schritte eingeleitet.
Die Grenzstation Oshikango/Sta.Clara (Namibia-Angola) selbst sieht
aus wie von einem anderen Planeten. Es war am 9. Oktober 1992, als
ich sie zum allerersten mal sah und ich werde diesen Moment in meinem
ganzen Leben nicht vergessen. Hier kam ich, ein junger Freiwilliger
aus Deutschland, und hatte nicht die leiseste Vorstellung von Chaos,
Krieg, Horror, Waffengewalt, der Macht des Typs auf der anderen
Seite des Maschinengewehrs, Minenterror, Folter, Mord und solchen
Dingen.
Ich war nicht zum ersten Mal in Afrika. Ich war 1978 durch Ägypten
gereist und hatte die Narben des Suezkrieges gesehen und zwischen
den Minenfeldern am Strand von Hughada geschlafen
ganz in
der Nähe eines wie ein Konzentrationslager abgesicherten Club
Mediterranee.
Ich war fast zwei Jahre allein auf einem Pferd durch Darfur im Sudan
geritten, die meiste Zeit in der Gegend um Nyala und Jebel Marra.
Es war ein Paradies damals und es schockiert mich, was dort heute
passiert. Und wie im Fall des ehemaligen Yugoslawien, das ich als
wunderschönes Land aus meiner Kindheit kenne, verspüre
ich starken Widerwillen, dorthin zu gehen und mein Paradies in Schutt
und Asche zu sehen.
Wie gesagt kannte ich Afrika schon ein wenig, aber dieses Mal war
es nicht das gleiche. Eine Reise von Ägypten nach Sudan auf
dem Dach eines den Assuan überquerenden Dampfers ist eine wunderbare
Erfahrung, an das Ende der Straße in Namibia (Oshikango) zu
kommen und dort nach Angola (Sta. Clara) einzureisen eine andere.
Ich fürchtete mich fast zu Tode. Von der Asphaltstraße
auf eine Dreckspiste voll mit Kratern und Schlaglöchern.
Die namibianische Seite hatte noch ein Büro in einem Container,
Angola hatte einen dreibeinigen Tisch unter einem Baum. Auf der
linken Seite des fünf Meter breiten Grenzübergangs, der
mit einer Schnur und leeren Dosen markiert war, waren verdächtig
schauende UNITA-Soldaten, das gleiche auf der rechten Seite mit
den Soldaten der MPLA-Gruppe. Ich passierte mit zitternden Knien
die Grenze in der Mitte dazwischen und verfluchte den Tag an, dem
ich mich entschieden hatte, "humanitär" zu werden.
Mein Blutsbruder HaGe (Hans Georg Kruessen, Co-Direktor und Mitbegründer
von MgM) blieb ziemlich cool. Wir hatte zusammen Jahre in Brasilien
verbracht und sprechen beide fließend portugiesisch. Fünf
Minuten später saßen wir in einer mit Einschüssen
übersähten schattigen Ruine, mit freundlichen Menschen,
Musik von den Kapverden, hübscher handgemalter Bier-Reklame
an den Wänden und jawohl, fast-kaltem Bier. Seit diesem Moment
liebe ich Angola.
Ende des ersten Teils. Fortsetzung folgt. |