INTERVIEW : "Als Einzelner was verändern."
 
Hans-Georg Krüssen in der gepanzerten Fahrzeugkabine des MgM-Erdhobels.
 
 
Hans Georg 1992. Vom Niederrhein in die Panzerminenfelder rund um Xangango, Angola.
 

 


„Wenn der Wille groß genug ist, kann ich auch als Einzelner etwas verändern." Geprägt von dieser Überzeugung machte sich Hans-Georg Krüssen zusammen mit Hendrik Ehlers 1992 auf nach Afrika, um an Entminungsprojekten in Angola mitzuarbeiten. Dieser Entscheid läutete für beide Mitbegründer von MgM bis heute ein ganz spezielles Leben rund um die Minen und das Entminen ein. Aller Anfang ist schwer – wie beschwerlich war der Start vor Ort? Wie sieht der normale Alltag für Hans Georg Kruessen in Afrika aus? Wie gefährlich ist die tägliche Arbeit? „Kanimambo" – Willkommen in Mozambique. Ein Interview mit dem MgM-Verantwortlichen.

Herr Kruessen, Sie sind zusammen mit Hendrik Ehlers einer der Mitbegründer von MgM. Wann haben Sie Herrn Ehlers das erste Mal getroffen?
Hendrik und ich kennen uns eigentlich seit unserer Kindheit. Wir stammen beide aus einem kleinen Dorf in Deutschland, nahe der holländischen Grenze, und wir haben dort die gleiche Schule besucht.

Wann haben Sie sich für die Minenarbeit entschieden?
1992 haben wir gemeinsam entschieden nach Angola zu gehen, als Praktikanten für ein Entminungsprogramm einer deutschen Non-Government-Organisation, die damals gerade aufgebaut wurde. Wir konnten beide sehr gut portugiesisch und brachten einige technische und administrative Kenntnisse mit. Wir waren also nicht ganz ungeeignet für den Job, aber wir sollten noch viel dazu lernen müssen.

Hatten Sie denn damals genug vom Leben in Europa oder suchten Sie einfach das Abenteuer?
Nicht unbedingt. Ich war damals gerade dabei, mich für einen Job bei einer anderen Entwicklungshilfeorganisation zu bewerben, als Hendrik anrief. Seine Mutter hatte im Radio gehört, dass in Angola Freiwillige für Minenprojekte gesucht werden. Er fragte mich, ob ich Interesse hätte mitzugehen und ich sagte zu. Warum ich das tat, kann ich auch nicht genau sagen. Allerdings haben Hendrik und ich bereits während einer früheren Reise einen ehemaligen Missionar auf einer abgelegenen Insel in Nordbrasilien kennen gelernt. Er hat es geschafft, Tausenden von Menschen auf der Insel zu einem besseren Leben zu verhelfen. Das war ein unvergessliches Erlebnis; ich erkannte, dass ich auch als einzelne Person etwas verändern kann, wenn ich es nur will.

Wie waren die Bedingungen in Angola, als Sie dort angefangen haben?
Anfangs war es für uns sehr hart, vor allem von Null weg zu starten. Der Bürgerkrieg flammte gerade wieder auf und viele Mitarbeiter von anderen Hilfswerken flohen in die Länder, aus denen wir gerade kamen. Einige sagten uns, es sei schlicht verrückt, unter diesen Umständen Entminungsprojekte zu starten. Nach einer Weile jedoch wurde klar, dass der Krieg nicht überall war. Und so konnten wir in einigen Gebieten, die bereits vor Jahren vermint wurden und wo keine akute Kriegsgefahr herrschte, relativ sicher arbeiten.
Anfangs war es besonders beschwerlich, dass die Hauptverbindungsstrasse zwischen unserem Operationsgebiet und Namibia, die wir für unsere Logistik und notfalls auch für unsere Sicherheit dringend brauchten, von den Rebellen stark vermint war. Als es uns mit der Zeit gelang, den Minengürtel zu entminen, gingen auch die Unfälle merklich zurück. Motivierend für uns war jedoch, dass die meisten Angolaner sehr dankbar für unsere Unterstützung waren.

Wie konnten Sie am Anfang irgendwelche einheimische Menschen für die Minenarbeit gewinnen?
Die angolanischen Minenräumer vor Ort waren eigentlich recht gut ausgebildet für diese Art von Job. Was ihnen fehlte war ein richtiges System, eine Infrastruktur und der politische Wille, es zu tun – also Minen zu entschärfen. Denn man muss bedenken, Ende der achtziger und anfangs der neunziger Jahre waren die Minen in erster Linie als Verteidigungsmassnahmen angelegt worden – u.a. auch zum Schutze der Zivilbevölkerung. Und diese Einstellung änderte sich nur sehr langsam.
Wir versorgten die Minenräumer zudem mit Lastwagen, Detektoren, medizinischer Hilfe, Radio, Batterien usw., alles Sachen, ohne die man eigentlich nicht richtig und sicher entminen kann. Und wir haben die Minenräumer beaufsichtigt und versucht, das Politische zu richten und zu erledigen.

Können Sie uns einen kurzen Einblick in einen ganz normalen Arbeitsalltag in Mozambique geben?
Ich selbst bin entweder in der Hauptstadt Maputo, wo wir ein kleines Büro haben, oder im Feld draussen, ungefähr 3 Stunden von der Stadt entfernt. Normalerweise habe ich zwei Bürotage pro Woche, zum Beispiel wenn es darum geht, mit der Regierung zu verhandeln oder wieder mal gegen die Bürokratie zu kämpfen. Zur Zeit bin ich gerade dabei, den Import eines gepanzerten Trockenbaggers aus den USA und von zwölf Entminungsgeräten aus Tansania vorzubereiten. Sind wir im Feld, geht es um 4.30 Uhr aus den Betten, weil die Arbeiten um 6.00 Uhr beginnen.
Das manuelle Entminen mit den Detektoren muss um 13.00 Uhr beendet sein, weil es am Nachmittag einfach zu heiss wird. Die Maschinen hingegen arbeiten bis 17.00 Uhr weiter, schneiden die Vegetation oder sieben die Erde durch. Obwohl ich eher einen koordinierenden Job habe, muss ich doch den Boden cross-checken, prüfen, ob die Detektoren richtig kalibriert sind oder ob die allgemeine Sicherheitslage stimmt. Um ehrlich zu sein, das ständige Prüfen und Kontrollieren kann manchmal auch ganz schön langweilig sein. Und man muss höllisch aufpassen, dass man durch die Routine nicht nachlässig wird.

Hendrik Ehlers arbeitet in Angola, Sie in Mozambique. Tauschen Sie sich gegenseitig aus und wie kommunizieren Sie miteinander?
Wir treffen uns alle paar Monate, wenn Hendrik nach Mozambique kommt oder ich in Angola bin. Abgesehen davon telefonieren wir regelmässig und senden E-Mails. Manchmal treffen wir uns zu Weihnachten auch in Deutschland.

Die Kommunikation ist sehr wichtig, aber in Afrika wohl nicht ganz so einfach zu organisieren. Wie klappt es mit Telefon, E-Mail u.a.?
Im und ausserhalb des Busches brauchen wir vor allem Kurzwellensender. Wir haben auch Satellitentelefone, aber die sind sehr teuer. Seit kurzem können wir sogar an gewissen Punkten des Camps unsere Mobiltelefone mit Spezialantennen benutzen. E-Mails gehen nur von und nach Maputo. Grundsätzlich ist die Infrastruktur in Mozambique wesentlich besser als die in Angola, weil der Krieg hier bereits seit zehn Jahren beendet ist.

Wo und an welchen Projekten arbeiten Sie jetzt gerade?
Wir arbeiten in einem zirka vierzig Kilometer langen Minenfeld entlang der Limpopo-Eisenbahnlinie. Hier ist es wegen der dichten Vegetation und der chaotischen Art und Weise, wie die Minen verlegt worden, besonders schwierig zu entminen. In diesem Jahr müssen wir daher unsere Arbeiten noch merklich beschleunigen, um den zeitlich vorgesteckten Rahmen einhalten zu können. Wir hoffen, die für unzählige Menschen lebenswichtige Minenräumung durchführen zu können, indem wir vor allem neue Methoden und Maschinen einführen werden.

Wie reagieren die Einheimischen, wenn sie die Minenarbeiten auf den Feldern sehen? Helfen sie sogar mit?
Auf jeden Fall sind alle sehr dankbar, weil gerade die Kinder und Tiere nicht mehr Gefahr laufen, auf Minen zu treten. Wir haben auch immer einige Leute vom nahe liegenden Dorf mit dabei. Das ist gut für die gegenseitige Vertrauensbildung und um besser die äusseren Grenzen von Minenfeldern zu finden. Ist das Feld entmint, wird darauf quasi sofort Getreide wie Mais oder Maniokstrauch angepflanzt.

Welches war für Sie die gefährlichste Situation, die Sie, Herr Kruessen, je erlebt haben?
Ich glaube das gefährlichste Erlebnis war 1995, als ich mit meinem Partner Hendrik und einer deutschen Delegation hier in Mozambique eine Problemsituation erörtert habe. Ein deutscher Offizieller führte uns damals in ein Minenfeld, von dem er glaubte, es sei minenfrei. Erst als wir alle mitten im Feld standen und rechts von uns einige der „Bounding fragmentation mines", die so genannten „Jumping Jacks" entdeckten, wurde uns klar, dass er die Karte falsch gelesen haben musste. Wären wir auf eine der Minen getreten, wären wir jetzt alle tot.

Was können Sie den Spendern in Europa mitteilen: Warum ist Ihre Arbeit in einem von Minen heimgesuchten Land so wichtig?
Minen wie auch die meisten anderen modernen Waffen wurden in Ländern wie Angola oder Mozambique weder entwickelt noch produziert. Sie stammen meisten aus Industrienationen der nördlichen Erdhalbkugel. Indem wir jetzt die Mittel und das Know-how zum Entminen liefern, tun wir – so finde ich – das Mindeste, um diesen Menschen zu helfen, dass sie sich wieder selbst ernähren können. Natürlich ist das Entminen eine wichtige Voraussetzung für einen generellen Wiederaufbau der Infrastruktur und für die gesamte Entwicklung des Landes.

Haben Sie persönlich noch Freizeit? Was machen Sie zwischen den Einsätzen?
Ich höre gerne Musik und tue dies so oft wie möglich. Manchmal besuche ich auch mit Freunden Live-Konzerte hier in der Hauptstadt. Mozambique hat eine sehr interessante Musikkulturszene.

Herr Kruessen, was wünschen Sie sich, sollte man am Ende Ihres Engagements hier über Sie sagen oder schreiben?
Vielleicht, dass wir mit unserer Minenräumarbeit den Menschen hier in Afrika das Leben sicherer gemacht haben. Ich weiss, es klingt vielleicht eitel - trotzdem.

Welche Sprache spricht man in Mozambique und was heisst „Auf Wiedersehen" in der Sprache der Einheimischen?
In Mozambique wie in Angola spricht man offiziell Portugiesisch. Sie können „Ciao", „Adeus" oder „Ate amanha" sagen. In der lokalen Sprache hier in Machangana, im Süden, sagen die Menschen „Namunka", was soviel heisst wie „Good bye".

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